Paullinis heilsame Dreckapotheke

Gesammeltes Wissen aus dem 17. Jahrhundert (Bild: Wikipedia)

Gesammeltes Wissen aus dem 17. Jahrhundert (Bild: Wikipedia)

Es war einmal ein Eisenacher Arzt, der der Meinung war, dass in Exkrementen eine “wundervolle Krafft” steckt, die sie zu einem “vollkommenen Heylmittel” macht. Dieser Arzt war Christian Franz Paullini (1643-1712) und er hinterließ uns mit seiner “Heilsamen Dreckapotheke” eine erschöpfende Sammlung aller Kotrezepte seiner Zeit, die durchaus dem therapeutischen Denken des 17. Jahrhunderts entsprachen. In der Dreckapotheke behandelt Paullini 93 Volkskrankheiten, außerdem Verzauberungsschäden und Schönheitsleiden: Schwindel, Augenwehe, Wahnwitz, Gicht, Wassersucht, Rothe Ruhr, Schwindsucht, Kröpfe, Geburtsschmerzen, Unfruchtbarkeit, Fieber, Hurenseuche, Warzen, Krätze, Wunden, um nur einige zu nennen.

In jedem seiner volkstümlichen Rezepte kommen tierische und menschliche Exkremente vor. Dazu gehört vor allem Kot von Tieren wie Hunden, Tauben, Böcken, Schweinen, Schwalben, Pferden, Kühen, Pfauen und Eseln. Manche Heilmittel bestehen auch aus verarbeiteten Tieren, aus dem “Pulver von gebrandten Lerchen”, Eidechsen, Schnecken, Fröschen, Mäusen, “Maulwurf ohne Haut”, Regenwürmern, “verbrandter Nachteule”, “verbrandten Haasen”, Fledermäusen oder aus “kleinen, abgestreiften, außgenommenen und in Stücken zerschnittenen Katzen”. Klingt nach Hexenküche und auch das Spektrum der menschlichen Heilmittel gestaltet sich ähnlich. In vielen Rezepten wird die Verwendung von Menschenkot oder “Asche von Menschenkoth”, Urin, Blut, Speichel, dem “Schweiß der Sterbenden”, dem “Koth aus Menschenohren”, der “Milch von einer feinen, gesunden Frau” und Menstruationsblut empfohlen.

Die beschriebenen Darbietungsformen in den einzelnen Rezepten sind vielfältig. Paullini empfahl Mixturen, Pulver, Pflaster, Salben, Umschläge, Tränke, Öle, Pillen, Klistiere, Bäder, Inhalationen, Räucherungen, Fußbäder, Zäpfchen, Gurgelwasser und Destillate.

Er setzte seine Heilmittel hauptsächlich bei den Armen, bei Bauern oder Handwerkern ein. Er propagierte nicht nur die Unterstützung der sozial Schwachen, er handelte auch entsprechend: Einer Bäuerin lehrte Paullini aus “blossem Roßmist mit Chamillenblumen [...] Clistiere [zu] machen”, da sie “nicht das geringste bezahlen konnte”.

Die in der Dreckapotheke beschriebenen Verfahrensweisen entsprechen dabei völlig den Therapievorstellungen des 17. Jahrhunderts. Man kann in den unterschiedlichen Behandlungsvorschlägen durchaus eine Systematik erkennen und die heutzutage sehr befremdlich erscheinenden Denkstrukturen bei der Heilmittelauswahl ein bisschen nachvollziehen.

So gibt es Rezepte, in denen animalische Heilmittel angeboten werden, deren Kräfte und Eigenschaften auf den Menschen übertragbar sein sollten. Da erscheint in einem Rezept gegen den “Schwindel”, man solle pulverisierten Kot eines Eichhörnchens einnehmen, da auch Seiltänzer sich dieses Mittels bedienten. Im Falle einer Sehschwäche könne man ohne weiteres Falkenkot empfehlen. Taubheit solle verschwinden, wenn man sich den noch warmen Urin eines frisch geschlachteten Hasen ins Ohr gieße, und ein Brustumschlag aus Kuhmist helfe den Müttern, die keine Milch für ihre Babys haben. Die Schwindsucht vergehe, wenn der Patient den “Schaum eines Gauls, so ihm aus dem Munde fließt” einnimmt, worüber das Pferd zwar stürbe, der Kranke aber wieder gesund werden würde.

Dieser Vorstellung von der Übertragung entspricht auch die Verwendung von Wildschweinblase gegen Blasensteine, Menschenhirnschale gegen die “fallende Sucht” oder eine “Brühe von der [Ge]Bärmutter eines Hasen” gegen Unfruchtbarkeit. Paullini selbst verabreichte einem jungen Mann, der an “erloschener Mannheit” litt, eine Arznei aus “Hirsch- und Hasenhoden”.

Quelle: http://www.volkskunde-rheinland-pfalz.de/dreckapotheke/index.shtml (Für ausführliche Informationen kann ich die hier veröffentlichte Magisterarbeit wärmstens empfehlen! Äußerst interessant!)


Gekackt von Britt am 22. Januar 2009 um 05:39 Uhr.
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Es wurden schon 7 Kommentare gekackt.

  1. Ulf kackte am 22.01.2009 um 11:43 Uhr:

    Bis ca. 1920 konnte man in fast jeder gut sortierten Apotheke MUMIENPULVER (Munmia) erwerben. Da wundert gar nicht mehr.

  2. Ulf kackte am 22.01.2009 um 11:46 Uhr:

    PS: Sirach 38:15
    Wer wider den Schöpfer sünding, soll dem Arzt in die Hände fallen!
    (Lutherbibel)

  3. Heike kackte am 22.01.2009 um 16:18 Uhr:

    Früher konnte man doch alles in der Apotheke kaufen. Das war doch ganz normal. Aber leider war es halt nur für die Personen gedacht, die auch viel Geld haben. Die Armen hatten gar keinen Zutritt zu der Apotheke. Darum heißt es ja heutzutage immer „das sind ja Apothekenpreise“. Ist ja alles sehr teuer geworden. Wenn man überlegt, dass man für eine Packung Kondome vor 25 Jahren doof angekuckt wurde und das mit heute vergleicht, dann ist das doch schon ein gewaltiger Fortschritt oder nicht?

  4. Patricia kackte am 22.01.2009 um 16:23 Uhr:

    Danke für den Tipp, hab’ schon lange was gegen Verzauberungsschäden gesucht. Ihr habt mir sehr geholfen. ;o)

  5. Britt kackte am 22.01.2009 um 18:27 Uhr:

    @Heike, das hast Du recht! … auch wenn ich nicht weiß, wie man vor 25 Jahren beim Kondomkauf angekuckt wurde, ich kann es mir gut vorstellen ;-)

    @Patricia, bitteschön! Du musst uns unbedingt berichten! 8O

  6. Dirk kackte am 22.01.2009 um 21:39 Uhr:

    Die “Heilsamen Dreckapotheke” ist doch im Grunde nichts anderes, als das allabendliche Dschungelcamp (Ich bin ein Star, holt mich hier raus!) mit seinen Dschungelprüfungen. Ich bin mir sicher, dass Herr Paullini seine Freude daran gehabt hätte. :mrgreen:

  7. Viktor kackte am 23.01.2009 um 19:16 Uhr:

    @ Ulf
    Also Mumienpulver kann man sich auch selbermachen, wenn man denn bereit ist, zwei Meter tief zu graben. :mrgreen:

    Schon schockierend was die Leute damals so eingenommen haben, da wundert es mich nicht mehr, warum die so früh starben. ;)

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