Im Plattenbau ging’s sauber zu

20 Jahre Mauerfall – Wir fallen mit! Wenn schon alle Medien das Thema immer wieder “durchkauen” – ich muss gestehen, dass es mich langsam ziemlich nervt, Jahr für Jahr die gleichen Bilder zu sehen und die gleichen Geschichten zu hören – will ich mich dem scheinbar vorhandenen Interesse nicht verschließen und meinen kleinen Beitrag zur allgemeinen Unterhaltung beitragen. Es ist ja ein rundes Jubiläum heute, da will ich mal nicht so sein.

Ich verbrachte einen wesentliches Teil meines Lebens in einer Plattenbauwohnung des Typs IW73, was soviel heißt wie “Industrieller Wohnungsbau 1973?. Hier, in diesem übersichtlichen Badezimmer, habe ich nicht nur meine Körperpflege vorgenommen, sondern auch meine Exkremente in eine orange-bedeckelte Porzellan-Kloschüssel ausgeschieden, von wo aus sie durch nicht schallgedämmte PVC-Rohre in einen standardisierten Versorgungsschacht fielen und für immer verschwanden:

Hinter dem Spiegel über dem Waschbecken gab es eine Klappe, über die man die Wasser- und Abwasserleitungen zur Kontrolle oder Reparatur erreichen konnte. Der Schacht war durchgehend vom Keller bis zum Dach und hatte keine Trennungen zwischen den Etagen. Wenn es abends ans Zähneputzen gehen sollte, was in einem geordneten DDR-Alltag in allen Familien nahezu zur gleichen Zeit stattfand, steckten die Kinder ihre Köpfe in den Schacht, riefen sich irgendeinen Quatsch zu und warfen Dinge hoch und runter. Hoch werfen war natürlich schwieriger, die Kinder aus den oberen Wohnungen hatten also einen Vorteil. Wir wohnten genau in der Mitte.

Hier haben wir bis Mitte der 90er Jahre gewohnt. 60 Quadratmeter, 3 Zimmer, Küche, Bad.

Übrigens wohnte rund ein Viertel der DDR-Bevölkerung in genormten Beton-Bauten, in Ost-Berlin waren es sogar 50 Prozent. Bis 1990 wurden in der DDR rund 2,35 Millionen Wohnungen in industrieller Bauweise errichtet. Die Wohnungen waren begehrt, weil warm, komfortabel (aus damaliger Sicht) und vor allem preiswert. Zwischen 80 Pfennigen und 1,25 Mark kostete der Quadratmeter Wohnfläche. Unsere Wohnung kostete im Monat 80 Mark. Inklusive Fernwärme und aller Nebenkosten.

Sehr praktisch waren die genormten Grundrisse. Auch in einer fremden Wohnung konnte man sich nicht verirren: Couchgarnitur (mit ausziehbarem Bett für Gäste) links, Anbauwand rechts. Die Maße der Wohnungen bestimmten die Entwürfe der Möbelhersteller, nachmessen war nicht erforderlich, es passte immer. Und der Weg zum Klo war auch immer der gleiche…

Sehr übersichtlicher Grundriss.

Soviel zu meiner kleinen Geschichte am 9. November. Ich wünsche allen “Ossis” einen schönen Gedenktag! Stürzt Euch beim Zurückerinnern nicht nur auf alles Schlechte, sondern denkt auch mal an die netten kleinen Dinge des Alltags :-)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Gekackt von Britt am 9. November 2009 um 06:30 Uhr.
Stichworte: , ,


Es wurden schon 6 Kommentare gekackt.

  1. Thomas kackte am 09.11.2009 um 10:02 Uhr:

    Ja sag mal, habt ihr in der DDR denn eure Wannen nie geputzt? *staun* Oder gab’s kein Putzmittel? Ja hättet ihr doch was gesagt, dann hätten wir das in die Care-Pakete getan! :-P

    Übrigens dankeschön für diesen Beitrag. Ich hab nur in den 70ern über 7 Ecken mal Ost-Verwandte gehabt und weiss leider fast gar nix mehr aus der Zeit und über die DDR an sich auch kaum bis gar nix. Da ist solch ein Post doch sehr lehrreich.

  2. [...] This post was mentioned on Twitter by Der Kackblog, Igor Adolph. Igor Adolph said: RT @kackblog: Im Plattenbau ging`s sauber zu http://bit.ly/1vNzm6 [...]

  3. Dirk kackte am 09.11.2009 um 16:47 Uhr:

    Die Plattensau im Plattenbau…

  4. Roland kackte am 09.11.2009 um 22:17 Uhr:

    Nettes Badezimmer. Stimmt im Osten war man sehr viel freier,
    es gab eh kaum Fernsehen, es sei denn man “bezog” den Westkanal. ;)

  5. Andersreisender kackte am 16.11.2009 um 00:16 Uhr:

    Also den offenen Schacht hinter dem Spiegel – das gibt’s auch im “Westen”. Also zumindest in Österreich. Jedenfalls habe ich diesen interessanten Schacht hinter dem Spielge bei einem lieben Freund in Salzburg kennen gelernt, als Ameisen plötzlich hinter dem Spiegel hervorkamen. Über die Existenz dieses Kanals in der Mietwohnung wussten wir bis zu diesem Zeitpunkt nichts. Der Versorgungsschacht reichte vom Keller bis in den 10. Stock – eine tolle “Autobahn” auch für Ungeziefer 8O

  6. Sandro kackte am 27.09.2011 um 13:42 Uhr:

    Britt ich muss sagen, dass du verdammt gut aussiehst

Einen Kommentar kacken:

;) :| :x :twisted: :roll: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :haufen: :evil: :cry: :arrow: :P :D :?: :? :) :( :!: 8O 8)

Hier steht zwar eine Menge Kacke, aber dennoch behalten wir uns vor einen Kommentar zu löschen, wenn dieser einen eindeutig werblichen Charakter hat, aus unserer Sicht zu vulgär oder einfach nur blöde ist.

vorheriger Beitrag »«
nächster Beitrag »«